#otd1945.02.17
Ein Schicksalloser

Für jene, die ihn zwischen Leichen hervorzogen, war er ein namenloser Junge. Ein Sanitäter trug ihn ins Mittelgeschoss des Kammergebäudes in Buchenwald, er bekam zu essen. Ein zweiter Sanitäter erschien, nahm ihn und trug ihn fort, in eine Krankenbaracke des „Kleinen Lagers“.

Dort nahm sich ein französischer Arzt seiner an. Dieser erreichte bei einem Funktionshäftling die Verlegung in den Hauptkrankenbau. Er kam in den Saal 6, wo ihn die polnischen Pfleger Pjetka und Zbischek betreuten, der Tscheche Bohusch versorgte ihn zusätzlich. An seinem Bett stand „Kerbisch“, denn am 17. Februar 1945 war der jüdische Häftling 64921, Imre Kertész, laut Lagerkarteien gestorben. Niemand fragte nach ihm, weil viele seines „Invalidentransports“ aus dem Außenlager Rehmsdorf zu diesem Zeitpunkt schon tot waren.

Erst sehr viel später verarbeitete Imre Kertész seine Geschichte im „Roman eines Schicksallosen“. 2002 erhielt er für sein Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur.

(Harry Stein)

Quelle:  Imre Kertész, Roman eines Schicksallosen, Reinbek bei Hamburg 1998.