Günter Pappenheim

geb. 1925 in Schmalkalden, Deutschland

Günter Pappenheim entstammt einer jüdischen Familie. Sein Vater Ludwig war Sozialdemokrat und engagierter Gegner des Nationalsozialismus. Für seinen Widerstand bezahlte er 1934 mit dem Leben und die Familie Pappenheim wurde in der Folge stigmatisiert. Weil sich Günter Pappenheim und seine Geschwister weigerten, in die Hitler-Jugend einzutreten und die Indoktrinierungen in der Schule ablehnten, waren sie permanenten Schikanen ausgesetzt.

Im Jahr 1940 begann Günter Pappenheim eine Ausbildung in Schmalkalden. Hier schloss er Freundschaft mit den französischen Zwangsarbeitern in seinem Lehrbetrieb. Am 14. Juli 1943, dem französischen Nationalfeiertag, machte er ihnen eine kleine Freude und spielte die Marseillaise auf seinem Akkordeon. Aus der deutschen Belegschaft wurde er dafür denunziert. Nach der Festnahme und darauffolgenden Misshandlungen durch die Polizei wegen „staatsfeindlicher Einstellung“ kam er in das Konzentrationslager Buchenwald.

Nach der Befreiung am 11. April 1945 schwor Günter Pappenheim zusammen mit anderen ehemaligen Gefangenen den „Schwur von Buchenwald“. In seiner Heimatstadt war er bald politisch aktiv: 1946 trat er in die SED ein und studierte später Gesellschaftswissenschaften an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau. Seit 1990 ist er Mitglied und seit 2005 Vorsitzender der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora. Günter Pappenheim ist Kommandeur der französischen Ehrenlegion und trägt den Verdienstorden des Freistaats Thüringen. Die Stadt Weimar verlieh ihm im März 2021 die Ehrenbürgerwürde.

Am 31. März 2021 verstarb Günter Pappenheim in Zeuthen.

Ich bin Günter Pappenheim und bin in meinem 96. Lebensjahr der letzte ehemalige deutsche politische Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald.

Gesund bin ich nicht mehr und altersbedingt lassen die Kräfte spürbar nach.

Ich wuchs in einem fortschrittlichen sozialdemokratischen Elternhaus auf. Mein Vater war ein bekannter und beliebter Kommunalpolitiker in Schmalkalden. Bereits 1934 ermordeten ihn die Faschisten im Konzentrationslager Neusustrum. Meine Mutter und meine Geschwister grenzte die sogenannte „Volksgemeinschaft“ aus; wir wurden bedroht, schikaniert und verfolgt. Mich verhaftete die Gestapo, von einem Kollegen denunziert, weil ich französischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern an ihrem Nationalfeiertag die Marseillaise auf meiner Ziehharmonika gespielt hatte. Die Gestapo verhörte und misshandelte mich. Sie sperrte mich ins Gefängnis Suhl, von dort musste ich in Arbeitslager und schließlich wurde ich als sogenannter „Schutzhäftling“ in das KZ Buchenwald eingewiesen. Ich gehöre zu den Überlebenden. Die Tatsache ist verbunden mit der Verantwortung alles zu tun, um keine Wiederholung der Verbrechen zuzulassen.

Dankbar erfuhr ich in den letzten Jahren viele Ehrungen. Der Präsident der Republik Frankreich ernannte mich zum Kommandeur der Ehrenlegion, der Freistaat Thüringen ehrte mich mit seinem Verdienstorden und ich bin Ehrenbürger der Stadt Weimar.

Besonders geehrt fühlte ich mich immer, wenn es mir gelungen war, in Begegnungen mit jungen Menschen Interesse an meinen und den Erfahrungen und Erlebnissen meiner Kameraden im Kampf gegen den deutschen faschistischen Terror zu wecken.

Auch im hohen Alter ist es mir Herzensangelegenheit, dass immer wieder Wissen um Zusammenhänge vermittelt wird, um unsere Vergangenheit zu begreifen und für Gegenwart und Zukunft zu verhindern, dass sich unsägliche Verbrechen wiederholen können.

Diese Position vertreten aus tiefster Überzeugung alle meine Kameradinnen und Kameraden, die in den Lagern der SS überlebten.

I

Als ich am 11. April 1945, ich hielt mich an meinem Arbeitsplatz in der Gerätekammer auf, über die Lagerlautsprecher die Worte vernahm „[...] Kameraden, wir sind frei! [...]“, stürmte ich hinaus auf den Appellplatz, wo ich bewaffnete Häftlinge sah. Ich merkte, wie die Angst wich, wie sich die Anspannung der letzten Tage löste. Für einen Moment verließ ich durch das Haupttor das Lager – ja, wir waren frei.

Als Häftling Nummer 22514 war ich gelegentlich mit Arbeitsaufgaben außerhalb des Lagers beschäftigt und durfte deshalb, mit einem Sonderausweis ausgestattet, das Tor passieren.

Nie hatte ich das Gefühl wie an diesem Apriltag 1945. Ich war jetzt frei wie an keinem Tag meines bisherigen Lebens.

In diesem Bewusstsein ging ich zurück ins Lager zu meinen Kameraden im Block 45, Flügel A. Ich war der Jüngste dort. Die Kameraden Eduard Marschall, Heinz Grosse, Walter Wolf, Fritz Pollak und Karl Feuerer hatten mich aufgenommen in die Solidargemeinschaft. Wir wussten, dass wir uns aufeinander verlassen konnten. Ich erlebte Solidarität und das wurde eine lebenslang wirkende Erfahrung.

Das Lagerkomitee der Häftlinge hatte inzwischen die Führung im Lager übernommen. Erstaunlich diszipliniert vollzog sich das Leben der Befreiten, bis am 13. April amerikanisches Militär das Lager übernahm.

Zu den stärksten Eindrücken gehörte für mich das Totengedenken am Abend des 19. April 1945. Vom Anmarsch der Blöcke befreiter Häftlinge auf den Appellplatz war ich überwältigt. Dann standen die Überlebenden, den Blick gerichtet auf den hölzernen Obelisken mit der Inschrift „K.L.B.“ – für „Konzentrationslager Buchenwald“ – und der damals bekannten Opferzahl von 51.000. Heute befindet sich an diesem Ort die metallene Gedenkplatte.

Die wir auf dem Appellplatz standen, gedachten der Toten und wir hörten die „Deklaration“ in russischer, polnischer, deutscher, französischer, tschechoslowakischer und englischer Sprache, die im „Schwur von Buchenwald“ mündete.

„[...] Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte faschistischen Grauens: Wir stellen den Kampf erst ein, wenn der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig. Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach: Wir schwören! [...]“

Ich habe den Ton im Gedächtnis behalten. Es war kein dumpfer Ton, es war ein entschlossenes Schwingen voller Mut.

Der Schwur, ich habe das immer wieder betont, ist für mich wie für viele meiner Kameraden Kompass fürs Leben geworden.

Und ich möchte anmerken, dass von denen, die auf dem Appellplatz standen, keiner es für möglich gehalten hätte, dass 76 Jahre nach diesem Schwur in Deutschland noch Täter vor Gericht stehen würden.

Sehr beeindruckend für mich war, als Menschen aus Weimar von den Amerikanern auf den Ettersberg beordert wurden, sich einen Eindruck vom dortigen Geschehen zu verschaffen. Indoktriniert sahen sie in uns ehemaligen Häftlingen Verbrecher. Womit sie im Lager konfrontiert wurden, erschütterte die meisten. Sie hätten von Buchenwald nichts gewusst, sagten viele. Aber es waren doch Häftlingskommandos in Weimar zu sehen. Häftlingstransporte, die am Güterbahnhof ankamen, konnten nicht unbemerkt bleiben. Was sie gesehen hätten, überträfe ihr Vorstellungsvermögen, hörte ich sie sagen.

Das war glaubhaft. Uns ging es, der SS ausgeliefert, nicht anders.

Bereits am 22. April 1945 durfte ich das Lager verlassen. Der Weg nach Hause, nach Schmalkalden war beschwerlich. Stärker geschwächt als ich dachte, erlitt ich in Arnstadt einen Kollaps und wurde ins Krankenhaus gebracht. Als ich wieder einigermaßen bei Kräften war, setzte ich meinen Weg fort, ohne zu wissen, ob ich meine Angehörigen noch treffen würde. Aber dann fand ich meine Mutter und meine Schwester zu Hause. Wo sich mein Bruder befand, war nicht bekannt. Auf Veranlassung des Landrates und NSDAP-Kreisleiters war er ins Arbeitslager Weißenfels deportiert worden. Im April 1945 verließ er das Lager, wurde aber von den Amerikanern aufgegriffen und in ein Kriegsgefangenenlager verschleppt. Zugesagte Bemühungen der amerikanischen Kommandanten in Schmalkalden und Suhl, seine Freilassung zu veranlassen, verliefen im Nichts. Schließlich war er dann eines Tages doch zu Hause.

Ich fand schnell Kontakt zu Sozialdemokraten, bemühte mich besonders darum, Jugendliche für den Aufbau des neuen, demokratischen Deutschlands zu gewinnen, für die neue Welt des Friedens und der Freiheit. Ich traf einige, die froh darüber waren, mich nicht mehr verachten zu müssen. Wir wurden Mitstreiter, Gleichgesinnte und fühlten uns gut in dieser Aufbruchstimmung.

II

Wenn ich heute zum Befreiungstag mit meiner Frau nach Buchenwald komme, freue ich mich darauf, Menschen zu treffen, mit denen mich vieles verbindet. Die Zeit in Buchenwald hat für mich etwas Feierliches und immer werden Erinnerungen mobilisiert, beispielsweise an Treffen mit deutschen Kameraden und den mir so lieben französischen. Zwiespältiges ist natürlich dabei: Einerseits freue ich mich auf die Kameradinnen und Kameraden, anderseits habe ich vor Augen, dass wir immer weniger werden, schließlich sind 76 Jahre seit der Befreiung vergangen.

Zumeist ist für uns ein Programm vorbereitet. Von besonderem Interesse sind für mich Begegnungen mit jungen Menschen. Sie sollen von uns erfahren, was damals geschah und ich habe den Eindruck, sie wollen es gerade von uns wissen. In solchen Gesprächen baut sich in mir die Hoffnung und zugleich die Zuversicht auf, dass die Vermittlung unserer Erfahrungen auf fruchtbaren Boden fällt und tatsächlich Kräfte entstehen, die in der Lage sind für eine neue Welt des Friedens und der Freiheit einzutreten. Das mag als illusionär angesehen werden, aber Veränderung des Bestehenden ist nötig und möglich.

Immer gibt es an diesen Tagen auch Zusammenkünfte der Lagerarbeitsgemeinschaft

Buchenwald-Dora (LAG), eine wunderbare Gemeinschaft. In der LAG sind Angehörige ehemaliger Häftlinge organisiert, ebenso Antifaschistinnen und Antifaschisten, die sich aktiv für die Bewahrung des antifaschistischen Vermächtnisses einsetzen und dafür, dass der Schwur von Buchenwald verwirklicht wird.

Bis 2020 organisierten sie zehn Treffen der Nachkommen, die bundesweite und internationale Resonanz fanden und großartig solidarisch unterstützt wurden. Das Treffen 2020 sollte ein Höhepunkt werden, durfte jedoch wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden.

Der Kinosaal der Gedenkstätte Buchenwald war zu diesen Anlässen immer überfüllt und es wurde ein interessantes Programm geboten, immer auch ein Vortrag zu einem relevanten historischen Thema. Die Treffen, an denen stets auch ausländische Gäste teilnahmen, erwartete ich jedes Mal mit großer Spannung. Es ist zu jedem dieser Treffen eine Broschüre erschienen, um die so entstandenen Begegnungen festzuhalten. Die Broschüren haben national und international viele Interessenten gefunden. Auch darin zeigt sich, dass wir nicht etwas Antiquiertes, Überholtes machen.

Für uns ehemalige Häftlinge ist an den Befreiungstagen der Zeitplan immer sehr eng. Dennoch gab es kein Treffen der Nachkommen, an dem nicht auch Kameradinnen und Kameraden sowie der Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos teilnahmen.

Für mich ist immer auch das Gedenken auf dem ehemaligen Appellplatz und am Glockenturm bedeutsam, weil die Anwesenden nicht nur der Opfer gedenken, sondern auch den Willen manifestieren, nichts und niemanden zu vergessen.

Ich fahre immer emotional beeindruckt und bereichert von Buchenwald nach Hause – bereichert gerade auch durch den Gedankenaustausch mit Kameradinnen und Kameraden und die Tatsache, dass wir nach wie vor im Prinzip das Gleiche wollen: Endlich eine Welt des Friedens und der Freiheit.

Darum zu ringen wird auch künftig dringend nötig sein.

III

Da zu erwarten ist, dass es in absehbarer Zukunft keine Gespräche mit Überlebenden mehr geben kann, haben die Gedenkstätten große Verantwortung zu tragen. Sie müssen dazu beitragen, die Wahrheit zu verbreiten. Nur die unverfälschte Wahrheit bietet die Gewähr, eigene Standpunkte herauszubilden – Voraussetzung für bewusstes Handeln im Sinne der Menschlichkeit.

Der größer werdende zeitliche Abstand darf nicht dazu führen, das Geschehen zu bagatellisieren oder gar mit anderen historischen Ereignissen gleichzusetzen. Dem entgegenzuwirken wird die wichtigste Aufgabe der Gedenkstätten sein und bleiben.

Mit ihren historischen Forschungen sowie ihrer Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit werden sie das Fehlen der Zeitzeugen zu kompensieren haben.

Die Gedenkstätten sollten sich zivilgesellschaftlichen Initiativen zuwenden, die im Sinne des Schwurs von Buchenwald und überhaupt bei der Bewahrung des Vermächtnisses des antifaschistischen Widerstands in seiner ganzen Vielfalt wirksam werden.

Die Gedenkstätten müssen Möglichkeiten schaffen, das offizielle Gedenken zum Befreiungstag unter Teilnahme Interessierter zu gewährleisten.

Wir müssen davon ausgehen, dass rechtsextremes politisches Handeln nicht geringer wird und dass sich die Gesellschaft nicht mehr nur der Anfänge zu erwehren hat. Dem ist der Wille entgegenzusetzen: „Wir wollen Frieden. Wir wollen eine glückliche Zukunft in einer Welt, die lebenswert ist!“ Dass das von jungen Menschen artikuliert wird, ist ein gutes Zeichen. Es muss aufgegriffen und gesellschaftlich gefördert werden – auch von den Gedenkstätten.

Der Text wurde am 8. März 2021 von Günter Pappenheim in Anwesenheit seiner Ehefrau Margot im Wortlaut autorisiert.

Gerhard Hoffmann

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Günter Pappenheim in der Dauerausstellung der Gedenkstätte Buchenwald „Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945“