29-31 Dezember April

Fragen an Displaced Persons: 1946 und heute

Haarfeiner Draht speichert die Stimmen von Displaced Persons aus dem Jahr 1946.

Haarfeiner Draht speichert die Stimmen von Displaced Persons aus dem Jahr 1946.

Die Fotos und Filme von Leichenbergen und sterbenskranken Menschen in den befreiten KZs – sie betrachtet im April 1945 auch der Sozialpsychologe David P. Boder in Chicago. Doch er vermisst die Stimmen der Überlebenden. So schnell wie möglich will Boder die Befreiten zu ihren persönlichen Erlebnissen befragen – und ihre vielsprachigen Erzählungen akustisch aufzeichnen.

Im Sommer 1946 schließlich reist David P. Boder mit einem Wire Recorder nach Europa und führt Interviews mit über 100 Displaced Persons (DPs). Die auf magnetisiertem Draht (Foto) gespeicherten Gespräche bilden heute die historisch erste Sammlung von Audio-Interviews mit Überlebenden der Shoah überhaupt.

Für den Psychologen waren die „DP-Stories“ vieles zugleich: historische Dokumentation, emphatische Solidarität mit Entwurzelten, Grundlage für Sprach- und Traumaforschung und gesellschaftliche Reflexion. Und was bedeuten uns diese Zeugnisse heute? Wer hört noch genau hin, auch angesichts der vielen Videointerviews?

Im 75. Jahr nach Boders Recherchen etablieren Jenaer Historiker:innen mit einem Weblog ein digitales Forum für diese Interviews. Der Blog „Fragen an Displaced Persons: 1946 und heute“ lädt zum Zuhören ein, befragt und diskutiert die Interviews aus unterschiedlichen Perspektiven. Wie sprachen die DPs – jüdische und nicht-jüdische – ein Jahr nach Kriegsende über ihre Familien, über Gewalt, Zwangsarbeit, Deportationen, das Sterben und Überleben in Ghettos und KZs? Was wollte Boder von ihnen wissen? Was erwarteten die heimatlos Gewordenen von der Zukunft? Und nicht zuletzt: Wie deuten wir heute diese dialogisch entstandenen Berichte zur Erfahrung nationalsozialistischer Gewalt und der Shoah?

Der partizipativ angelegte Blog startet am 29. April 2021 mit sechs Beiträgen, regelmäßig kommen neue hinzu. Wir möchten Neugierde wecken und Debatten anstiften. Wir fördern Methoden- und Fragekompetenz und diskutieren Forschungs- und Bildungsansätze zur medial überlieferten Zeugenschaft. Die Redaktion lädt alle Interessierten zu Beiträgen ein.

Freischaltung am Donnerstag, den 29. April 2021, 10.00 Uhr auf www.dp-boder-1946.uni-jena.de

Weblog am Lehrstuhl für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit der Friedrich-Schiller-Universität Jena, in Kooperation mit der Paul V. Galvin Library am Illinois Institute of Technology, Chicago, und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, als Modellprojekt gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.

Partizpativ angelegtes Weblog zu den Recherchen und Interviews von David P. Boder

10:00 Uhr

29. April: Freischaltung Weblog